29/07/2022 Mondlandschaft

Vom Tal aus gesehen ragen die Tannenspitzen in die Wolken, die Sonne dahinter zeichnet ein zartes Weiss. Der Hahn hinterm Haus kräht kurz vor sieben und die sich setzenden Holzbalken der neuen Blockhütte knacken vereinzelt. Ein Idyll, abgesehen vom kleinen Brand direkt hinterm Haus, hinter dem Fluss, der letzten Sommer überlief. Während hier innerhalb einer Stunde alles gelöscht war, brennen anderswo Wälder unkontrolliert weiter. Auch das schönste Panorama birgt Dramen, denn wo der Mensch ist, ist Leben in all seinen Facetten. Wie sieht es aus, wenn ein ganzer Wald schwarz geworden ist? Was musste weichen, was kann neu entstehen?

Flashback

Vor beinahe 20 Jahren: Für ein Wochenende entfloh ich dem Treiben der Millionenstadt. Eine Kollegin hatte mich zu sich eingeladen. Nach Feierabend setzten wir mit der Fähre über. Ein grünes Idyll, kein Autoverkehr, eine Siedlung direkt am Strand. Dahinter der grüne Berg, der das Meer zu berühren schien. Nach einem 40-stündigem Grossbrand war dieser schwarz geworden. Es regnete Asche. Ich erinnere mich an die Fotos in der Lokalzeitung, als der Bergkamm bedrohlich glühte. Es blieb eine Mondlandschaft an einem der grössten Berge Hongkongs zurück. Ein Programm zur Wiederaufforstung hatte Mühe, das Idyll wieder zu beleben.

Neues entsteht

Wenn unsere Seele durch eine Krise erschüttert wird, verlieren wir oft den Halt. Etwas in uns stirbt, brennt ab. Es ist dann ein Prozess, anzuerkennen, was nicht mehr ist. Wenn ich mich in einer kargen Mondlandschaft bewege fällt es mir schwer an ein Aufblühen zu glauben. Ein Wald wird nicht als Ganzes gepflanzt. Jede Saat, jeder einzelne Baum ist ein Teil der Lösung. Ich pflanze meist nicht an allen Stellen gleichzeitig an, sondern suche mir einen geeigneten Startpunkt aus. Wie ich einen Wald wiederherstelle, so kümmere ich mich um meine Seele. Schritt für Schritt und nachhaltig. Vielleicht brauche ich stärkere und tiefere Wurzeln für eine stabile Zukunft? Bei aller Tragik kann ich mich neu fragen, was alles in meinem neuen Wald Platz haben darf. Wenn ich damit starte, was mir gut tut, was ich vermisse, dann lasse ich automatisch weg, was eher hinderlich war. Unbestritten verliere ich durch eine Krise Essenzielles in meinem Leben. Es kann auch eine Chance sein, die wirklich relevanten Bausteine zu suchen, um neu aufzubauen, was mich jetzt zufrieden macht.