Kategorie: Allgemein

  • 14/11/2020 Sein, nicht werden

    Wie oft verirren wir uns in dem, was werden soll? Wie schnell übersehen wir, dass vieles, nach dem wir streben, bereits da ist oder in uns ist? Wann begreifen wir, das wir die Zukunft nie erreichen, da sie im Sein von heute liegt?
    Ich stelle mir solche Fragen immer wieder gerne. Sie wecken die Dankbarkeit für alles was ist und spinnen die Vision weiter von allem, was ich in mein Leben einlade.

    Vor Jahren war ich unzufrieden mit unserer Wohnsituation und meinem Job. Ich nahm ein neues Notizbuch und schrieb die Visionen für diese Bereiche auf. Wie muss es denn sein, damit ich zufrieden bin? Es waren die gesellschaftlich geschaffenen Vorbilder, die ich las. Ein Zuhause mit 120 qm und Blick ins Grün und dennoch in der Stadt (ab 700K € aktuell zu haben) und die Teilzeit-Führungsrolle mit 5K Monatseinkommen bei gleichzeitiger Balance im Familienleben. Ist klar! Also schrieb ich auf, welche Wünsche jeweils dahinter standen. Hinter diesen von Fremden gemalten Schablonen eines perfekten Lebensentwurfs. Mehr Raum zum Leben. Ausgleichende Ruhe in der Natur. Gute Verkehrsanbindung für Kunst&Kultur in der Stadt. Finanzen, die ruhig schlafen lassen und dabei einen guten Lebensstandard ermöglichen. Und nun schrieb ich auf, was ich davon alles bereits hatte. Erkenntnis: das Glück und die Zufriedenheit wächst nur bedingt mit den Quadratmetern. Und eine Vision mit 100 qm reicht auch. Den Ruheplatz kann ich mir auch in der jetzigen Wohnung gestalten. Wir können den Garten meiner Eltern genießen, die Parks vor der Tür und unseren Balkon und denen von Freunden. Ich bin in 15 Minuten in der Innenstadt statt in 40 Minuten von Außerhalb. Es gibt den Stadtpark, den Hirschpark und Alster und Elbe. Letztere ist im Sommer in Wedel wie Urlaub am Mittelmeer. Also fast.
    Heute, Jahre später. Wir hoffen auf eine Tauschwohnung wenige hundert Meter entfernt. Alles darf bleiben. Die Schule, die geliebte Infrastruktur, die Jobs, die Wege zu Freunden. Nur die Garage würden wir gegen eine Tiefgarage am Haus tauschen. Mit Blick ins Grüne und in die Weite aus dem 3. Stock. Für uns hat sich in den letzten Jahren gezeigt, dass wir Zeit dank kurzer Wege mehr schätzen als Quadratmeter im Eigenheim. Also Bankheim für zwei Jahrzehnte bis es wirklich das Eigenheim ist. Eine reine Lifestyle-Entscheidung, die uns hoffentlich bald in die neuen Wände trägt. Vor meinem inneren Auge habe ich die Tauschwohnung schon eingerichtet. Ich wünsche mir eine einzige Tapete – an der Schlafzimmerdecke. Einen neuen Stuhl mit Charakter. Eine Sitzbank in der Küche. Am meisten aber freue ich mich auf das Gefühl im Neuen angekommen zu sein und mehr Luft zum Entfalten zu haben.

  • 13/11/2020 In Momenten der Trauer

    Meine Heilpraktikerin und ich arbeiten gerade an meiner „alten Trauer“, in der ich wortwörtlich mit den Füßen drin stecke. Während der Akupunktur spürte ich den schweren Atem, so als hätte ich statt zwei Lungen einen Stein aus schwarzem Marmor in mir liegen. Bei jedem größeren Atemzug schmerzten die Nadeln im Fuß. Die Verbindung zwischen Brust und Fuß beim Thema Trauer war für mich kein theoretischer Absatz eines Lehrbuches, sondern spürbare Realität. Es war einerseits gut, das alles zu fühlen und da sein zu lassen. Andererseits wurde ich ungeduldig und wollte, dass es nun vorbei wäre und die Massage folgen würde. Dreimal lenkte ich mich bewusst zurück zur Wurzelatmung. Zu meinem Ursprung der Trauer. Zu den Szenen im Kreissaal, den wir als Familie zu dritt und doch allein neben unserem toten Winzling verließen. Kürzlich postete eine amerikanische Mutter und Frau eines bekannten Rappers diese gemeinsamen Szenen in schwarz-weiß auf Instagram. So authentisch und fast zu intim. Doch auch mutig und ungeschönt. Ich fand mich wieder. Verbunden mit diesen Momenten unseres Verlustes.

    Was hilft mir in den damit verbundenen Zeiten der Trauer? Diese Frage kam gestern aus dem Redaktionsteam für den nächsten Rundbrief vom Verein Verwaiste Eltern und Geschwister Hamburg e.V.. Anfangs waren es die Sonntage am Grab. Zu sehen, dass er eine unter den vielen Kinderseelen ist. Zu spüren, wie es mir die Kehle zuschnürt. Zu fühlen, wie die Tränen etwas Erleichterung bringen.

    Es sind Spaziergänge am Wasser unserer Stadt, im Wald oder im Park. Bewegung löst die innere Verkrampfung, die Trauer manchmal in mir auslöst. Wie sehr diese tiefe Starre noch heute in mir wohnt, zeigte mir die gestrige Akupunktur. Die immer wieder schmerzende Stelle im Fuß löste sich auf. Der verkrampfte Kiefer linksseitig, der mir seit 2 Monaten einen hypersensiblen Zahnhals bescherte, öffnete sich. Heute morgen sitzt mein Kiefer wieder gerade und einen halben Zentimeter tiefer im Normalzustand. Meine Atmung fließt leichter, ein- und ausatmen sind länger.

    Was hilft mir noch, wenn die Wolken dunkler werden? Die Erlaubnis, auch diese traurigen Augenblicke bewusst da sein zu lassen. Es geht nicht darum Trauer wegzuschieben und durch oberflächlich Schönes zu ersetzen. Gefühle wollen gefühlt werden. Allzu oft habe ich sie in mir eingeschlossen und konserviert. Das verlängert das Leiden meistens.

    Und der Blick für das Schöne hilft mir dennoch: ob in Blumen oder wärmenden Sonnenstrahlen, rauschenden Wellen oder in der Geborgenheit einer Umarmung. Doch was mir am meisten auf meinem bisherigen Weg mit der Trauer geholfen hat, waren andere Menschen, die schon ein Stück weiter gegangen sind. Meist sind es trauernde Mütter im Alter meiner Mutter, mit denen ich mich freundschaftlich verbunden fühle. Ich sagte mir immer wieder: Schau sie dir an. Sie sind auch noch da, leben weiter und haben einen Platz für Ihre Trauer gefunden. In den Momenten tiefster Depression sage ich mir immer wieder, dass auch ich diesen Weg gehen kann und solange für meine Tochter weitergehen werde, wie ich nur kann. Zuversicht und Hoffnung ersetzen auch hier nicht die Traurigkeit, doch Sie erlauben mir, auch Pfade von Licht zu sehen. Manchmal zart durch Wolken gebrochen, manchmal freudig strahlend getaucht in himmelblau.

  • 06/11/2020 Trennung als Chance

    Gerade bin ich sehr damit beschäftigt, meinen Alltag als Summe gewohnter Routinen mit aufhellenden Überraschungen wieder zu gewinnen. Im Job ebenso wie bei den Nachmittagen mit Kind, Verabredungen und Einkäufen. Was für die meisten Normalität ist braucht bei mir noch viel Planung. Das klappt so gut, dass ich mir wieder bewusst Pausen und Highlights einbauen muss, um mich nicht in Geschäftigkeit zu verlieren. Das Lesen kommt zu kurz, das Schreiben läuft gut. Abgesehen vom geplanten Songtext.
    Warum schreibe ich so ausführlich über den Status Quo? Weil mich kaum jemand fragt. Von außen sieht es wieder fast normal aus. Ich arbeite zu 60%, backe Kuchen, führe Smalltalks und tiefere Gespräche bei Verabredungen. Ich habe jeden Tag ein neues Outfit an und bin an 4 von 5 Tagen geschminkt. Ich mache Pläne 2-3 Wochen in die Zukunft, gehe zu Arztterminen und fahre auch mal eine Stunde mit dem Mountainbike für einen Termin durch Hamburg. Mit Gelassenheit reagiere ich auf Terminabsagen oder -verschiebungen. Ich bin wieder in meinem Leben angekommen und kann es bewusst gestalten. Dies steht im krassen Gegensatz zu meiner Hilflosigkeit vor 2 Monaten. 8 Wochen, in denen viel passiert ist. Ich bin zurück in die Fülle gekommen, die mich umgibt. Und ich habe mich von Beziehungen getrennt. Innerhalb der Familie und im Freundeskreis habe ich Menschen verabschiedet, die mir nicht gut tun oder mir nichts Gutes tun wollen oder können, weil sie sich um sich selbst drehen. Zunächst habe ich die Trennung als Abschied und kleinen Verlust wahrgenommen. Doch für die, die gehen durften, kamen neue Menschen, die da sein möchten. Es gab auch Beziehungen, die durch Offenheit zu meinen Themen Trauer und Depression viel tiefer und weiter geworden sind. Ich empfinde daher trotz kleiner Trennungen keinen Verlust, sondern einen Gewinn an Begegnungen mit anderen. Es ist wieder Platz für Neues und Leichtigkeit im Umgang miteinander. Darüber hinaus ist es auch ein Stück weit normal, dass sich Wegbegleiter ändern, da wir selbst uns auf dem Lebensweg verändern.

  • 03/11/2020 Normen

    Es war ein Traum. Über die Definition von gesellschaftlich akzeptierten Normen und der Abweichung von eben diesen.

    Ich lernte ein Paar kennen mit einer Tochter im Grundschulalter wie meine. Sie hätten noch eine jüngere Tochter, die in einer Art Heim lebe. Zusammen mit anderen Kindern, deren Lippen und Nasen eine Fehlbildung hätten. Diese Gruppe lebte für sich betreut von Schwestern und Ärzten. Ich war neugierig und verbrachte einen Tag mit den Kindern. Und verstand die Welt nicht mehr. Ja, ich sah deren Tochter mit etwas deutlicheren Konturen der Oberlippe und einer leicht schiefen Nase. Doch das Kind war kerngesund. Ich verstand es einfach nicht. Wir pflückten Sträuße am Wegesrand und ich wurde zur Vorsicht ermahnt. Von diesen rosa farbenen Blumen nur die Jungen. Die alten Zweige gehörten nicht mehr zur Sorte und würden zu schnell verblühen. Das brächte Unglück. Und da verstand ich die Botschaft hinter dieser Geschichte. Wer definiert denn was gepflückt werden darf? Wer bestimmt darüber, welche Abweichung vom Normalen bei der Optik von uns Menschen in der Gesellschaft akzeptiert sind? Ich spürte großen Widerstand gegen die eingeschränkte Sicht der Erwachsenen in meinem Traum und wünschte mir direkt mehr Toleranz. Wozu ein Heim für nicht perfekte Nasen? Wozu der Druck nach der Norm zu streben, um die eigene individuelle Ausstrahlung zu verlieren? Ich sagte den Eltern, dass ihre Tochter wunderschön sei und sicher Schauspielerin oder selbst Ärztin werden könnte. Ganz nach ihrem eigenen Wunsch. Gleichzeitig empfand ich eine unglaubliche Dankbarkeit dafür, selbst eine gesunde Tochter zu haben. Ich höre schon wie sie sich um 06:15 Uhr in ihrem Bett nebenan wälzt und gleich aufwachen wird. Sie wird selbst aus ihrem Hochbett hinunter steigen. Sie wird sich selbst anziehen- wenn auch langsam und wie wir am Tisch essen. Auch langsam, da sie lieber erzählt statt das Timing zu schaffen, um rechtzeitig in der Schule zu sein. Sie wird trotz der Pandemie in die Schule können, während mein Mann Zuhause und ich im Büro arbeite. Dafür bin ich dankbar. Wir haben beide unsere Jobs noch, keine Kurzarbeit und können über einen Umzug nachdenken. Ja, auch in Zeiten von Corona.
    Und so starte ich erfüllt in einen neuen Tag.

  • 02/11/2020 Lichtblicke

    Foto: Lisa Halter, Schweiz 🇨🇭 am 31.10.2020

    Es sind Lichtblicke wie vorvorgestern, wenn durch die eigene Offenheit das Gegenüber teilt: “Auch ich trauere um ein Kind. Meine Tochter hat eigentlich einen Zwilling.” 48 Stunden später am Halloween Lagerfeuer: die zweite Mutter, die von ihrer Tochter als einzige durchgekommene von Drillingen spricht. Und einen weitere Mutter, die offen sagt: “Ich habe ein Kind im 4. Monat tot geboren.” Ich schreibe diesen Blog und mein erstes Buch für euch, ebenso wie für mich zur Verarbeitung. Für alle, die durch ähnliche Erfahrungen miteinander verbunden sind – oft ohne voneinander zu wissen. Die Vorstellung, dass immer mehr Mütter und Väter angesprochen werden durch mein Buch, das ist ein wahrer Lichtblick für mich und all die kleinen Seelen im zu oft verschwiegenen Kinderhimmel.
    Es sind Szenen wie diese von Lichtstrahlen im Wald, die sinnbildlich für das Durchdringen der offenen Worte in unserer Gesellschaft stehen und das Umfeld erhellen.

  • 01/11/2020 Der Ursprung

    Der Ursprung meiner letzten Krisen war die Ohnmacht durch Überforderung. Aus einem solchen Szenario bin ich eben erwacht. Die Wurzel meines krank machenden Musters ist entlarvt. Ich träumte von einer anstehenden Geschäftsreise nach Paris, um eine neue Kollektion für einen Großkunden zu besprechen. Parallel sollte ich an einem Konzert teilnehmen und übte verzweifelt die richtigen Tasten zu treffen. In all der Vorbereitungspanik wurde entschieden, dass eine Kollegin fliegen sollte. Ich fühlte mich degradiert, unfähig und nutzlos. Voller Scham erzählte ich meiner Mutter davon. Und ich hörte auf, das Instrument zu spielen, fühlte mich für mein Ungenügend-Sein bestraft und wollte aufgeben und kündigen. Nein, rief mein Unterbewusstsein. Nicht aufgeben, nicht wieder ins Schneckenhaus zurück ziehen und den Zweifel an dem eigenen Können gewinnen lassen. Ich führte einen Kampf mit mir selbst, um mich ja nicht klein zu machen und kauernd in einer Ecke zu vegetieren. Ich wachte auf.

    Dankbar, dass dies nur ein Traum war. Dankbar, das Muster in Gänze durchschaut zu haben. Dankbar, dass ich meine es zukünftig verhindern zu können, sollte eine ähnliche Situation entstehen. Die erste Situation, die ich erinnere, war das Warten darauf, dass mein Körper erkennt, dass meine Schwangerschaft biologisch gesehen kein Chance auf ein Happy End hat. Fast zwei Wochen nach meinem Blasensprung in der 19. Woche hielten mein Sohn und ich weiter am Leben fest. In dieser Zeit fühlte ich die Ohnmacht, von der ich schreibe. Ich hatte keine Kontrolle mehr. Gleichzeitig gab es mir die Chance, mich bewusst auf den Abschied vorzubereiten. Doch ich wollte nicht, dass es endete. Diese Hilflosigkeit ebnete die Basis für meinen radikalen Rückzug in mich selbst bei der Konfrontation mit Überforderung. Ich ziehe mich dann aus dem Leben zurück, kappe alles Lebendige und liege nur leer an die Decke starrend da -wie damals im Krankenhaus. Doch ich habe inzwischen nicht nur rational, sondern auch emotional verstanden, das dies keine Lösung bringt. Und eben dieser heutige Traum, aus dem ich eben erwachte, zeigt mir, dass ich inzwischen dagegen steuern und wieder handeln kann. Der Kreis meines erlebten Traumas scheint sich schließen zu wollen. Ich bin zuversichtlich, dass ich Krisen auslösende Situationen frühzeitig zu erkennen weiß. Dass ich mir meines Verhaltensmusters bewusst bin und entsprechend dagegen steuern kann, um im Leben zu bleiben.

  • 31/10/2020 Ahnen

    Wir alle tragen die Geschichten unserer Ahnen in uns auf unseren Genen. Dies ist eine interessante Hypothese der Wissenschaft, der ich folgen kann. Wenn eine Disposition für Diabetes, Krebs oder Schilddrüsenerkrankungen weitergegeben wird, warum nicht auch Traumata und Depressionen? Natürlich braucht es auch hier häufig einen auslösenden Faktor.
    In meiner Familie bin ich aktuell diejenige, die am stärksten betroffen ist, während die anderen gut voran gehen. Das Trauma als Auslöser meiner Depression war einfach der große Unterschied zu meinen Geschwistern.

    Der Traum, mit dem ich aufwachte, war die Idee, das eigene Stück vom Familienstammbaum als Goldanhänger mit Inschriften anfertigen zu lassen. Würde die Familie zusammen kommen, ergebe sich aus allen Anhängern gelegt der lebende Teil des Familienstammbaumes. Worum geht es bei diesem Traum? Um das warme Gefühl von Verbundenheit. Im Jetzt. Um die Erinnerung vor allem an meine verstorbene Oma Louise, die mir auch heute ein Ratgeber ist. Ich frage sie einfach in Gedanken nach ihrer Meinung zu einer Situation oder Entscheidung. Ich lerne sie auch besser kennen, wenn es um den Schmerz der Trauer geht. Ihren Sohn, meinen Onkel, kenne ich nur von Fotos. Ein Portrait stand immer im Wohnzimmer auf der Anrichte. Neben dem seines Vaters. Meinem Opa, der kurz bevor meine Mutter mit mir schwanger wurde verstarb. Ich wurde geboren als Enkelin einer trauernden Mutter und Ehefrau. Als Kind einer trauernden Schwester und Tochter. Ja, ich glaube, das diese sowohl auf meinen Genen sitzt, als auch in diesem Umfeld auf mich prägend wirkte. Meine Mutter wünschte sich auch einen Sohn, meine Oma einen Enkel. Nach meiner Schwester kam 8 Jahre nach mir mein Bruder. Ein Junge, der dem verlorenen Sohn und Bruder in Kindertagen sehr ähnlich war.
    Für mich bin ich auf einem guten Weg, mit der Trauer um meinen Sohn umzugehen. Meine Tochter ist mit dem Wissen um ihren Bruder aufgewachsen. Es ist uns wichtig, innerhalb der Familie kein Tabuthema zu verschweigen, das auf der Ebene der Emotionen und Energie spürbar ist. So ist sie es, die auf die Frage nach Geschwistern ganz selbstverständlich von ihrem Bruder im Himmel erzählt, der auf sie aufpasst. Als dies kürzlich beim Kennenlernen einer Familie aus der Parallelklasse im gefühlt 3. Satz passierte, beschloss ich offen darüber zu schreiben. Bisher hatte ich dies nur im geschützten Mitgliederbereich vom Verein Verwaiste Eltern und Geschwister Hamburg e.V. getan. Und so schließe ich heute mit dem Appell: redet offen über eure Tiefen, die euch bewegen. Im Kleinen und wenn die Kraft kommt auch im größeren Umfeld. Unser Umfeld hält das aus, unsere Gesellschaft darf dies lernen. Es ist unglaublich welche Offenheit von anderen zurück kommt, wenn du selbst kommunizierst. So wie meine Tochter ihren Schutzengel über sich im Himmel hat, gibt es viele andere im direkten Umfeld. In ihrer Klasse gibt es zwei andere Engel. Bei der Klassengrösse sind damit mehr als 10% der Familien selbst betroffen. In meinem Freundeskreis gibt es vier Familien, die ebenfalls ein Kind oder Zwillinge verloren. Durch mein Ehrenamt im Verein kenne ich mehr als ein Dutzend Mütter und Väter näher, die dieses Schicksal teilen. In meinem Büro sind es ebenfalls mehr als 10% der Kollegen, deren Familien ein Kind verloren haben. Es ist Teil des Lebens und Teil der Gesellschaft. Wir dürfen darüber sprechen anstatt sich mit dieser Schwere allein und isoliert fühlen zu müssen.

  • 30/10/2020 Trauma

    Auf der Suche nach Linderung und innerem Frieden geht der Mensch unterschiedlichste Wege. Manchmal auch mehrere Wege parallel. Mit Akupunktur das Trauma meiner Gebärmutter heilen? Klingt im ersten Moment vielleicht schräg, doch ich habe es gestern versucht. Es wird eine Woche nachwirken und hoffentlich dort Entspannung bringen, wo mein persönliches Schicksal solch radikale Wendung genommen hat. Vor 8 Jahren. Als unser Sohn still geboren wurde.

    Wenn immer ich davon erzähle, gibt es eine ähnliche Geschichte vom Gegenüber zu erzählen. Entweder selbst erlebt oder in der Familie oder im Freundeskreis. Es ist ein trauriges Thema, welches dennoch zum Leben gehört. Das Sterben und der Tod. Und wenn das Leben erst am Anfang steht ist dies umso schwerer zu ertragen. Doch es braucht seinen Raum. In uns und in unserer Gesellschaft. Keiner sollte sich für seine Emotionen schämen müssen, wenn der Verlust eines geliebten Menschen ihn zu Tränen rührt. Wenn es passiert, auf der Beerdigung und auch Jahre später. Unsere Leistungsgesellschaft sagt gerne „Jetzt ist es schon 2 Jahre her, da müsstest du doch mit der Trauer mal durch sein.“. Dieser oder ähnliche Sätze fallen häufig. Ist sie nicht, denn die Trauer, der fehlende Platz in deinem Herzen bleibt ein Leben lang. Sie verändert sich und wir leichter. Doch das Vermissen bleibt. Heute kann ich über den Tod reden ohne zu weinen. So viel Trauerarbeit und gewonnene Klarheit habe ich auf meinem Weg mit diesem Schicksal gewonnen. Dank Mitmenschen, die mir den nötigen Raum gaben. Dank der eigenen Kraft anderen zu sagen, was mich verletzt und was ich mir wünschen würde. Und ich habe mich an Müttern und Vätern orientiert, deren Verlust schon länger zurück liegt. Ich dachte mir „Wenn diese starke Frau auch 20 Jahre nach dem Tod ihres Kindes gut durchs Leben geht und einen Platz für die Trauer gefunden hat, dann kann ich es vielleicht auch.“. Diese Perspektive gab mir Zuversicht und Hoffnung auf ein gutes Morgen. Genau dies wünsche ich jedem, der ein ähnliches Schicksal teilt und diesen Text liest. Wenn ihr jemanden kennt, dem diese Worte gut täten, weil ihr selbst gerade etwas sprachlos seid, so teilt diesen Beitrag gerne. Es gibt einige Parallelen im Umgang mit trauernden Menschen und depressiven Menschen. Nicht jeder Trauernde ist depressiv, das möchte ich klar sagen. Es ist der Umgang der Mitmenschen, der ähnlich ist. „Was kann ich sagen ohne zu verletzen?“, „Was hilft der Person in diesem Moment und was ist eher hinderlich?“, „Sollte ich zu einem Ausflug einladen zur Ablenkung oder einfach nur da sein und zuhören?“. All diese Fragen ergeben sich sowohl bei Depressionen als auch bei Trauer im eigenen Umfeld. Mein liebster Satz dazu von Freunden war und ist „Ich weiß gerade nicht was ich sagen soll oder wie ich mit dir umgehen soll. Du sollst wissen, dass ich da bin und an dich denken.“. Denn das zeigt Empathie und Interesse und ist besser als zu schweigen.

  • 27/10/2020 Ehrlichkeit

    Für A. und für A.

    Selten bin ich an einem Tag gleich zwei Menschen begegnet, mit denen ich mich so ehrlich und offen über mein Jetzt und mein Gestern austauschen konnte. Ich bin dankbar dafür, die Authentizität, die ich hier im Blog und in meinem Manuskript zum Buch lebe, in der persönlichen Begegnung zu zeigen. Es ist nochmal eine andere Qualität, jemanden dabei in die Augen zu sehen und trotz aller Unbekanntheit so viel Tiefe zu erfahren. Nichts gegen Smalltalks. Doch jetzt, wo es mir wieder besser geht und meine seelische Tiefsee aufgewühlt in der Verarbeitung und Auflösung von Schwere liegt, sind es Begegnungen dieser Art, die mich weitertragen. Sich verletzlich und unperfekt ganz ohne Maske zu zeigen klingt vielleicht unbequem. Für mich zeigt sich gerade darin die Verbindung zueinander. Denn es gibt wohl kaum Menschen, die im Innersten nicht mit Sorgen, Ängsten und Wünschen beschäftigt sind.

    Frage bei deiner nächsten Begegnung mit einem Bekannten oder Freund, wie es ihm oder ihr wirklich geht. Und zwar hinter dem Standard „Ganz gut, alles ok soweit, und dir?“. Frage nach, wenn du das Gefühl hast, jemand in deinem Umfeld ist betrübt oder sehr gestresst. Bitte um Ehrlichkeit. Damit ist beiden Seiten geholfen, auch wenn erst einmal mehr Energie in die Frage geht, so kommt auch viel Energie durch die Antworten zurück. Die Leichtigkeit entsteht dadurch, keine Aussagen zurecht legen zu müssen, die konform sind mit dem überdurchschnittlichen Schein. Es sind wahrhaftige Begegnungen, die einen echten Erfahrungsaustausch ermöglichen anstatt sich gegenseitig in Superlativen zu übertreffen. Wie oft höre ich beim Erzählen, dass das Gegenüber sofort die eigene Story zum gleichen Thema zurechtlegt und abgibt. Ohne zuvor voller Interesse nach Details zu fragen. Aktives Zuhören statt einfach alles auf sich selbst zu beziehen. Anderen Raum schenken, ohne sich gegenseitig zu übertrumpfen.

    Von solchen Begegnungen wie gestern wünsche ich mir mehr. Und weniger von den selbstdarstellerischen Smalltalks. Also wer immer mir von euch LeserInnen als Nächstes begegnet oder mich anschreibt bzw. anruft – seid bitte ehrlich und offen. Sagt was euch bewegt und fragt mich, an welchem Punkt ich gerade stehe. So können wir gegenseitig auch schwere Themen aushalten und bewegen. Und gleichzeitig die Leichtigkeit genießen, die im Austausch ohne happy shiny Maske entsteht.

  • 25/10/2020 Horizont

    Es ist dieser Moment, in dem du dir beim Blick auf den Horizont deiner eigenen Größe bewusst wirst. Nach stundenlangem Kleinreden und Einigeln in der dunkelsten Ecke mit dem Gesicht zur Wand. Plötzlich stehst du draußen in der Natur und brichst dein durch fiese Worte gebauten Käfig um deine Seele auf. Du nimmst die Luft wahr, siehst die Strahlen der Sonne brechen und spürst festen Boden unter deinen Füßen. Die Welt weitet sich für dich, dein Blick wird weich. Mit jedem Schritt und den langsam vorbeiziehenden Baumkronen komme ich so in der normalen Welt an. Meine Gedanken werden ruhiger und ich sehe wieder ein Morgen. Der weite Blick zum Horizont lässt mich klein werden im positiven Sinn. Der Zyklus der Natur ist zu jeder Jahreszeit greifbar und so erkenne ich, dass der Frühling auch auf mich wartet. Und gehe weiter, gestärkt, mehr beim Körper und weniger im Denken. Ich lande im Sein und bei der Akzeptanz, dass alles gerade so sein darf, wie es ist. Leichtigkeit nehme ich mit auf dem Rückweg. Sowie die Dankbarkeit, aufgestanden zu sein und das Erleben erst möglich gemacht zu haben.

  • 21/10/2020 Alter Ego

    Heute Nacht dreimal wach, doch immer wieder eingeschlafen. Yes! Für diese neu gewonnene Gelassenheit feiere ich mich gerade selbst. Oder wie mein Achtsamkeitscoach (unbezahlte Empfehlung) sagen würde „Sie haben nicht durchschlafen können? Nehmen Sie es so an wie es ist. Denn auch das ist perfekt in Ordnung.“ Wie lange rieb ich mich an diesem Ausdruck „perfekt in Ordnung“, schließlich ist mein Leistungs-Ich eindeutig für die Gegensätzlichkeit von perfekt sein und „nur“ in Ordnung sein. So bin ich veranlagt. Meine Struktur, mit der ich 30 Jahre lang erfolgreich durchs Leben preschte, hielt mich im Dauerlauf. Forderte alles von mir ab, um von außen gesehen, geliebt und anerkannt zu werden. Für Leistung, für Abschlüsse, für Erfolge, für mehr Gehalt und einen besseren Titel auf der Visitenkarte. Alles nach Außen und von Außen.

    In den letzten 8 Jahren lernte ich stetig mehr darüber, dass alles von Innen kommt. Ich kann mich von Innen heraus selbst sehen und lieben, um inneren Frieden mit mir selbst zu schließen. Und ich arbeite daran, meine schwersten Glaubenssätze aufzulösen: „Ich bin nur liebenswert, wenn ich etwas leiste.“ „Wenn ich nichts tue, bin ich nichts wert.“ Diese krank machenden Kausalitäten habe ich enttarnt. Mein innerer Kritiker, der immer Grund zum Meckern fand, ist leiser geworden. Ich nehme mich mehr an, wie ich gerade bin. So kann ich auch Andere wieder mehr so nehmen, wie sie sind. Sehen was ist, ohne immer gleich alles verändern und verbessern zu wollen. Das ist der entscheidende Satz, den ich aus einer Achtsamkeitsübung für mich mitgenommen habe.

    Früher habe ich jede der vielen Sportarten bis aufs Leistungsniveau betrieben. Heute freue ich mich über jede kleine Joggingrunde, die mir einfach nur gut tut. Ohne die Strecke oder gar die Zeit zu messen. Mein liebster Sport war übrigens Zeitspringen. Wie habe ich es geliebt mit den Ponys durch Turnierparkours zu rasen. Der Kontakt zu Pferden ist tatsächlich etwas, das mir wieder gut täte. Und ein Schreib-/Malatelier Zuhause. Apropos, heute folgt eine weitere Wohnungsbesichtigung. Es bleibt also spannend und in Bewegung. Euch LeserInnen wünsche ich allen einen schönen Tag und bleibt gesund!

  • 20/10/2020 Was wieder geht

    Welch schönes Datum heute. Und damit willkommen zurück nach einer Woche Pause. Denn es kommt so Vieles zurück. Der Rhythmus von Alltag, ein langsamer Re-Start in den Job. Das Gefühl am Montagmorgen noch ein wenig liegen bleiben zu wollen. Das Gefühl von Hunger. Warum ich mich über solche profanen Gefühle freue? Weil mein Körper weniger Medikamente bekommt und dadurch langsam zu normalen Empfindungen zurück findet. Z.B. ist mein Helfer fürs Durchschlafen um 1/4 reduziert worden. Zwar wache ich jetzt zwischen 3:30 Uhr und 4:30 Uhr auf, doch ich vertraue darauf wieder einschlafen zu können nach einer kurzen Pause ohne (ja, ohne!) Grübeln. Und so ist es bereits 6:30 Uhr und mir bleiben 10 Minuten für mein Thema Umzug.

    Wir, meine Familie und ich, suchen wie 1.000 andere Menschen in unserem Viertel und Umgebung nach der 4 Zimmer, 100 qm Wohnung mit Balkon/Garten. Letzte Woche haben wir die zunächst als perfekt vorgestellte Wohnung abgesagt. Da waren sich unsere Bauchgefühle einig. Zuvor hatte ich das neue Heim manifestiert. Sogar nach einem 3-Schritte-Programm „Bewusstes Manifestieren“ von Eckhart Tolle. Was soll ich sagen, es wirkt. Wir sahen mit der ersten Besichtigung, was uns wichtig ist (großer Wohn-/Essbereich, Platz für einen Schrank in jedem Schlafraum) und was überhaupt nicht geht (Unzuverlässigkeit potentieller Vermieter). Wir haben ein Reihenendhaus am Rande der Stadt angeboten bekommen, welches wegen des langen Arbeitsweges von einer Stunde leider keine Option ist. Morgen schauen wir uns eine neuere Wohnung im Nachbarviertel an, welche gestern von außen schon interessant aussah. Und ich suche weiter nach Tauschwohnungen in Parallelstraßen. Es ist also Bewegung drin im Thema Umzug, welches mich vor wenigen Wochen derart überfordert und erneut in die Klinik befördert hatte. Ich bin mir meiner Selbstwirksamkeit wieder bewusst und sehe viele kleine Schritte zum neuen Zuhause anstatt eines unüberwindbaren riesigen Berges. Die Entscheidung fällen wir gut überlegt und ohne Zeitdruck gemeinsam als Familie. Als geübter Projektmanager war mir schon vorher in der Theorie bewusst, dass die Summer der kleine Schritte einen Meilenstein ausmachen. Doch die Depression interessiert sich einen feuchten Dreck für Deine Ratio. Sie reißt ein Thema an sich, bläht es zur Bedrohung auf und lässt Dich ohnmächtig und gelähmt auf das Unlösbare starren.

    Es sind solche kleine und großen Fragen, die für depressive Menschen bzw. Menschen in depressiven Phasen unlösbar erscheinen. Der nächste Einkauf wird zum Marathon, das Aufstehen so schwer, als würde man mit einer frischen OP-Wunde danieder liegen. Planen ist ein Wirbel von Grübelgedanken, der nirgends hinführt. Auf Nachrichten von Freunden antworten per Handy braucht Kraft. Ganz so als müsste ich dafür erst eine Postkarte kaufen, die Briefmarke in einem zweiten Laden, mit Füller schreiben und vor dem Abschicken auf das Trocknen der Tinte warten.

    Dies ist ein Einblick in die so gegensätzliche Bewertung von Alltagssituationen aus den zwei Perspektiven: der Depressiven und der Normalen. Wobei auch Du morgens mal denkst „ich würde gerne noch ein wenig liegen bleiben“, doch 10 Minuten später stehst Du unter der Dusche. Der von Depressionen Betroffene hockt dann für 30 Minuten auf der Bettkante und überlegt, ob er es wirklich schafft: Ins Bad, alles ausziehen, duschen und was neues anziehen. Klingt trivial? Ja, ist es. Doch das Gehirn ist so durcheinander, dass diese einfachsten Routinen nicht abrufbar sind. So als müsstest du die letzten 30% zum Fahrrad fahren bei jedem neuen Aufsteigen erst wieder lernen. Diese Barriere aus dem Kopf klebt an allen Routinen, Aufgaben und Tätigkeiten. 24 Stunden am Tag.

    Wenn Du also jemandem sagst „Reiß dich mal zusammen, aufstehen und anziehen ist ja wohl nicht so schwer!“, dann denke daran, dass es aus der Perspektive deines depressiven Gegenübers sehr wohl schwierig ist.

  • 13/10/2020 Gestern im Nebel

    Kurz vor 8 Uhr. Ich fuhr mit dem Fahrrad durch den kalten Nebel, der schon Stunden zuvor als Wand vor unseren Fenstern gewabert hatte. Meine Hände wurden feucht, den Schal hatte ich vergessen. Am Universitätskrankenhaus angekommen schaute ich hoch zu der Station, auf der ich vor wenigen Wochen ein Bett gehabt habe. Während ich mein Fahrrad anschloß dankte ich mir selbst dafür, heute nur ambulanter Besucher zu sein. Ich sah die vielen Gesichter der stationären Patienten. Grüßte Einen, der kam, als ich entlassen worden war. Ich ging hinein in das große Gebäude mit der Gewissheit, gleich wieder nach Hause fahren und in meinem Bett schlafen zu können. Überhaupt wieder genug schlafen zu können.

    Rückblick: Meine Niedergeschlagenheit beginnt im Nebel der Schlaflosigkeit. Es ist ein Muster. Etwas Aufwühlendes oder Beängstigendes passiert – ich fühle mich überfordert. Ich erinnere mich mit jeder Zelle meines Körpers an die Ohnmacht vergangener Episoden und bekomme Angst. Angst davor, für die Situation nicht gewappnet zu. Ich verliere den Glauben in meine Kraft, verzweifle an den Methoden, die meinen Geist beruhigen sollen. Und das hält mich wach. Es beginnt mit 2-3 Nächten wenig Schlaf. Dann denke ich bereits am Morgen darüber nach, dass ich abends unbedingt schlafen muss. Der innere Druck steigt. Es folgen 2 Nächte ohne Schlaf, dafür mit erdrückend negativen Gedanken und Selbstvorwürfen. Ich liege wie erstarrt, um meine Familie nicht zu wecken. Mit geschlossenen Augen starre ich an die Decke. Panik steigt auf. Ich höre mein Blut im Ohr rauschen, spüre einen beklemmenden Druck auf der Brust. Im Kopf ein Strom voller verschwommener Gedankenfetzen, der mich weiter in die Tiefe zieht. Weg von mir, meinem Maj-Ich.

    Am nächsten Morgen rede ich mir schön, dass mein Körper sich den Mindestschlaf von 2-3 Stunden schon geholt hat. Dass ich es nur nicht bewusst mitbekommen habe. Ich bin völlig verschwitzt, war nachts vor Nervosität 3-4 Mal auf der Toilette gewesen. Und warte auf die Frage meines Mannes, ob und wieviel ich geschlafen hätte. Ich muss den Rhythmus beibehalten. Drei Mahlzeiten, nicht tagsüber schlafen. Dinge tun, statt im Bett liegen zu bleiben. Aufstehen, duschen, was essen. Ich erkenne mich selbst kaum mehr, wirke auf meine Mitmenschen befremdlich. Mit starrem, leeren Blick. Kaum Mimik. Traurigen Mundwinkeln. Die Maske der Depression. Da nutzt auch die Sommerbräune von der See nicht mehr. Die Normalität ist aus meinem Leben, aus meinem Gesicht gewichen. Und entweicht langsam aus dem Herzen. Ich spüre mich kaum noch, habe wenig Emotionen. Auch empathische Reaktionen bleiben aus. Ich lächle gezwungen, wenn andere lächeln. Ich fühle mich leer, gefangen in meiner sich drehenden Gedankenwelt. Die verzerrte Wahrnehmung meiner Umwelt und meiner selbst lässt alles bedrohlich und schwer erscheinen. Mit jedem Schritt, den ich nicht gehe, beweise ich mir selbst, wie schlecht es mir innerlich geht. Es ist paradox, doch die innere Stimme der Depression drängt mich an den Rand des Lebens. Mein Blutdruck steigt, mein Puls liegt jenseits der 100. Dauerhaft. Tags wie Nachts. Mein Körper ist derartig gestresst, dass ich beginne „herum zu tigern“. Ich gehe von einer Ecke zur anderen. Meine Hände und Nase schwitzen. Wenn ich sitze, so wippe ich in leichten Bewegungen hin und her. Ich zupfe an meinen Händen, drücke meine Unterarme, um mich zu spüren. Ich rede in Fetzen, drehe ruckartig meinen Kopf zur Seite und bringe keinen vernünftigen Satz heraus. Ich möchte schreien, raus brechen aus dieser ohnmächtigen Starre. Doch ich stammle was von – ich will das doch auch nicht, ich muss da irgendwie wieder rauskommen. Mein Mann bittet mich die Notrufnummer zu wählen. 40 Minuten später war ich mit einer halbwegs gepackten Tasche in der Aufnahme des Krankenhauses gewesen. Diagnose: schwere depressive Episode. Es sind beruhigende Medikamente, die den Krampf meiner Seele und meines Körpers lösen, so dass ich wieder sprechen und schlafen konnte. Von dort unten begann der Kampf zurück in mein Leben, in dem ich langsam wieder auf beiden Beinen stehe. Dank professioneller Hilfe und dem innersten Wunsch hier zu bleiben statt mich aufzugeben.

  • 11/10/2020 Feedback

    Hinaus in die Welt. Ich zeige meinen Schmerz, meine Verletzlichkeit. Ich teile Momente des Glücks und der Leichtigkeit. Ich schreibe mir meine Gefühle von der Seele und meinen Gedankenstrudel aus dem Kopf.
    Und ich freue mich über wertvolles Feedback. Um mit meinem Blog zu lernen, was ich für das Schreiben meines Buches noch brauche. Verbessern kann und ausbauen darf. Also schreibt mir, ruft mich an. Klickt auf den TITEL eines Beitrages, um einen Kommentar zu hinterlassen. Ich wünsche mir, dass das, was ich rausgebe von mir auf Dich trifft. Etwas in Bewegung bringt. Einen Rückmeldung zurück zu mir schickt. Sei offen, so wie auch ich offen mit meinen Worten bin. Vielleicht bringt es uns einander wieder ein Stück näher.

  • Für Stefanie

    Du fragst Dich, wie Du einem Menschen mit Depressionen helfen kannst? Indem Du ihm sagst, dass Du helfen möchtest anstatt aus Unsicherheit zu schweigen.

    Meine Freundin, die am weitesten von mir entfernt in Zürich lebt, war mir in diesem Sommer voller Dunkelheit am nächsten. Dank WhatsApp und Telefon. Sie fragte nicht nur einmal, wie es mir geht. Sie schrieb erneut, auch wenn eine Antwort von mir ausgeblieben war. Sie rief an, auch wenn sie mich beim ersten Versuch nicht erreicht hatte. Sie war da. In Gedanken an mich und meine schwere Situation waren wir verbunden.

    Sie schickte mir Fotos von ihren Ausflügen im Alltag und am Wochenende. Schrieb ein paar Zeilen zum Erlebten. Und wünschte mir, dass es mit jedem Tag wieder ein wenig besser werden würde. In dieser Phase war es schwer für mich auf Nachrichten zu reagieren. Es ist paradox: im Gefühl der Einsamkeit fehlt die Kraft nach diesen Strohalmen des Austausches zu greifen. Stefanie zeigte mir Bilder aus ihrem normalen Leben, an guten und an anstrengenden Tagen. Ihr Geschenk: ich konnte isoliert im Krankenhaus (kein Besuch wegen Corona) das Leben „da draußen“ sehen und spüren. Ich konnte sie als Mutter ihres Sohnes sehen, der sie auf dem Spielplatz braucht. So wie auch meine Tochter mich im Alltag braucht. Du fragst dich, ob diese Einblicke nicht auch schmerzhaft für mich waren? Weil ich all das ja gerade nicht leben konnte? Ja, ein wenig. Doch es gab mir das Gefühl zurück, dass ich einen Platz in der Welt habe. Von meiner kleinen Familie gebraucht werde. Es schenkte mir Zuversicht, dass ich in naher Zukunft auch wieder Bilder von Ausflügen mit meiner Freundin teilen würde. Einen Monat später teile ich diese sogar über Instagram wieder mit der Welt.

    Danke Steffi! Von tiefstem Herzen. Für die Freundschaft in schweren Zeiten. Dafür, dass Du an mich glaubst und mir Hoffnung für bessere Zeiten schenkst. Mein Herz weint vor Freude und sendet ein Lächeln zu dir gen Süden.